Psychoanalyse oder analytische Psychotherapie?

Häufig wird der Begriff der Psychoanalyse mit dem der analytischen Psychotherapie verwechselt – und umgekehrt. Entscheidend ist hier der Unterschied, dass Psychoanalyse kein Behandlungsverfahren im Sinne der sog. Psychotherapie-Richtlinien ist, für die gesetzliche Krankenversicherungen die Kosten übernehmen können. Die analytische Psychotherapie, als eines der drei von den Krankenkassen finanzierten Behandlungsverfahren, orientiert sich zwar eng an der Psychoanalyse im klassischen Sinn, ist jedoch mehr Einschränkungen unterworfen, die durch die Einbindung in das sozialrechtlich organisierte Gesundheitssystem in Deutschland vorgegeben werden.

Der Grund dafür ist, dass die Psychoanalyse per definitionem kein konkretes Ziel verfolgt, demzufolge auch kein “Behandlungsziel”, wie es für die Psychotherapien vorgeschrieben ist. Sie ist “absichtslos”, bietet einen Raum, um mit Hilfe der analytischen Grundregeln (freies Assoziieren auf Seiten des Analysanden, gleichschwebende Aufmerksamkeit und sog. technische Neutralität – z.B. kein Bevorzugen oder Bewerten irgendeines Themas – auf Seiten des Analytikers) in eine Auseinandersetzung zu treten. Darüber kann im Laufe der Zeit eine tief greifende Veränderung neurotischer  Konfliktverarbeitungsstörungen in der analytischen Beziehung erreicht werden. Der interpersonelle Raum, in dem dieses Geschehen stattfindet, ist geprägt durch sogenannte Übertragungen. Das sind – vereinfacht gesagt – frühere Beziehungsmuster zu wichtigen Bezugspersonen, die nun in der aktuellen Beziehung zum Analytiker auftauchen, bearbeitet und verstanden werden können. Eine Veränderung soll dort stattfinden, wo diese Beziehungsmuster zu Störungen und leidvollen Erfahrungen geführt haben.

Moderne Entwicklungen der Psychoanalyse betonen hierbei die Veränderung der Rolle des Analytikers, der nicht mehr als unbeteiligter Beobachter “hinter der Couch verschwindet”, dessen Beteiligung im analytischen Prozess nun vielmehr eine neue Bedeutung gewinnt.

Diese Veränderung lässt sich gut anhand des Vorwortes zum Buch “Im analytischen Raum” von Antonino Ferro, illustrieren, das von Werner Bohleber, DPV-Analytiker und u.a. Herausgeber der Zeitschrift “psyche“, geschrieben wurde:

(Zitat) “Die klinische Theorie der Psychoanalyse hat sich in den letzten Jahrzehnten von einer ausschließlich intrapsychischen Sichtweise zu einem intersubjektiven Verständnis der analytischen Situation weiterentwickelt. In allen psychoanalytischen Schulen hat es eine Bewegung hin zu mehr interaktiven Konzepten gegeben. “Gegenübertragung”, “enactment” und “projektive Identifizierung” sind zu leitenden Begriffen in der Behandlungstheorie der Psychoanalyse geworden. Die persönliche Involvierung des Analytikers wird nicht mehr als ein Hindernis, sondern als notwendiger Bestandteil eines fruchtbaren analytischen Prozesses angesehen. Das ursprüngliche Subjekt-Objekt-Paradigma wurde durch die Beziehung von Selbst und Anderem oder durch eine Subjekt-Subjekt-Konzeption des analytischen Prozesses ersetzt. Eine solche Auffassung verändert auch die Position des Analytikers, der nicht mehr als unabhängiger Beobachter des analytischen Prozesses gelten konnte, der die Bedeutung des seelischen Materials dekodiert und wie ein Schiedsrichter zu entscheiden hat, was im Verhalten des Patienten verzerrende Übertragung und was der Realität angemessen ist. Vielmehr wird PSychoanalyxse heute als ein Dialog von Analytiker und Patient definiert, in dem beide Partner bestrebt sind, gemeinsam zu verstehen, wie das emotionale Erleben des Patienten organisiert ist. Sie tun dies, indem sie versuchen, die intersubjektiv konfigurierte Erfahrung zu klären.” (Zitat Ende) Aus: Ferro, Antonino: Im analytischen Raum. Psychosozial-Verlag, Gießen (2005): S.7